„Die Standortentscheidungen fallen jetzt“ – Automobilstädte legen neue Agenda vor und fordern Bundesregierung zum Handeln auf
Angesichts der angespannten Lage der deutschen Automobil- und Zulieferindustrie hat die Initiative „Bürgermeister für einen starken Automobilstandort“ ihren Forderungskatalog umfassend weiterentwickelt. Unter dem Leitgedanken „Starke Automobil- und Mobilitätsindustrie. Starke Städte. Starkes Deutschland und Europa.“ formulieren die beteiligten Städte zentrale Handlungsfelder für eine wettbewerbsfähige und innovative Mobilitätsindustrie.
Im Mittelpunkt des Positionspapiers steht die Forderung nach deutlich schnelleren politischen Entscheidungen. Um die Situation der Automobilstandorte und die notwendigen politischen Schritte auf nationaler und europäischer Ebene zu erörtern, wenden sich die vier Köpfe der Initiative – die Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper aus Stuttgart, Dennis Weilmann aus Wolfsburg, Simon Blümcke aus Friedrichshafen und Uwe Conradt aus Saarbrücken – an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und bieten ein persönliches Gespräch an.
Die Situation konkret in Neckarsulm
Oberbürgermeister Steffen Hertwig: „In Neckarsulm erleben wir die aktuellen Herausforderungen der Automobilindustrie nicht abstrakt, sondern ganz konkret. Die Zukunft unseres Audi-Standorts steht vor großen Herausforderungen. Deshalb ist für uns klar: Die Transformation der Automobilindustrie darf nicht zu einer schleichenden Deindustrialisierung und zum Verlust eines der bedeutendsten Industriestandorte unseres Landes führen.
Die Standortentscheidungen für die Zukunft werden heute getroffen. Wir brauchen deshalb jetzt Klarheit darüber, welche Produkte, Technologien und Investitionen künftig in Neckarsulm stattfinden sollen. Unser Standort verfügt über hochqualifizierte Beschäftigte, jahrzehntelanges Know-how, eine leistungsfähige Infrastruktur und ein starkes Netzwerk aus Zulieferern und Mittelstand. Dieses Potenzial muss genutzt und weiterentwickelt werden – statt es schrittweise abzubauen.
Wir erwarten deshalb von der Bundesregierung und der Europäischen Union verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, Technologieoffenheit und vor allem Geschwindigkeit. Gleichzeitig richten wir einen klaren Appell an den Volkswagen-Konzern und die AUDI AG: Neckarsulm braucht eine belastbare Zukunftsperspektive, konkrete Investitionen und neue Wertschöpfung. Es reicht nicht aus, den Standort langfristig offenzuhalten – wir müssen heute dafür sorgen, dass hier auch morgen innovative Produkte entwickelt und produziert werden.
Für Neckarsulm geht es dabei um weit mehr als einzelne Arbeitsplätze. Es geht um zehntausende Beschäftigte in der Region, um unsere Zulieferer und den Mittelstand, um Ausbildung und Fachkräfte, um Forschung und Innovation und letztlich um die wirtschaftliche Stärke unserer gesamten Region. Wir kämpfen deshalb gemeinsam dafür, dass Neckarsulm auch in Zukunft ein starker Automobil- und Industriestandort bleibt.“
Konkrete Zukunftsperspektiven für bestehende Industriestandorte sichern
Die Transformation darf nicht dazu führen, dass etablierte Produktionsstandorte schrittweise ausgedünnt werden, ohne dass gleichzeitig neue Produkte, Technologien und Investitionen angesiedelt werden. Gerade an Standorten mit hoher industrieller Kompetenz wie Neckarsulm müssen Unternehmen ihre Investitions- und Produktentscheidungen frühzeitig treffen und gemeinsam mit Politik und Arbeitnehmervertretungen belastbare Zukunftsperspektiven entwickeln.
Ganze Mobilitätsindustrie in den Blick nehmen
Von der Bundesregierung erwarten die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister eine starke industriepolitische Initiative auf nationaler Ebene und mehr Nachdruck in den laufenden Beratungen in Brüssel. Deutschland als größter Automobilstandort Europas müsse seine Interessen entschlossen vertreten. Wesentliche Fragen des europäischen Automotive Package dürfen nach Auffassung der Initiative nicht erst im ersten Quartal 2027 entschieden werden.
„Die Standortentscheidungen fallen jetzt – nicht 2027. Unternehmen entscheiden heute, wo sie investieren, wo neue Produkte entwickelt werden und wo künftig Arbeitsplätze entstehen. Jeder weitere Monat ohne verlässliche Rahmenbedingungen erhöht das Risiko, dass Investitionen verzögert oder außerhalb Deutschlands und Europas realisiert werden. Deutschland und Europa brauchen deshalb jetzt eine klare industriepolitische Antwort: mehr Wettbewerbsfähigkeit, echte Technologieoffenheit, schnellere Entscheidungen und deutlich bessere Bedingungen für Investitionen“, erklären die Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper, Dennis Weilmann, Simon Blümcke und Uwe Conradt.
Mit dem neuen Papier erweitert die Initiative ihren Blick über die klassische Pkw-Industrie hinaus. Hersteller, Zulieferunternehmen, Nutzfahrzeughersteller, Batterie- und Halbleiterunternehmen sowie Software- und Technologieunternehmen sollen gemeinsam betrachtet werden. Unverhältnismäßige Belastungen dürften nicht dazu führen, dass Investitionen außerhalb Deutschlands und Europas stattfinden.
Über die Initiative „Bürgermeister für einen starken Automobilstandort“
Die Initiative „Bürgermeister für einen starken Automobilstandort“ wurde von den Oberbürgermeistern von Stuttgart, Wolfsburg, Friedrichshafen und Saarbrücken ins Leben gerufen. Inzwischen haben sich zahlreiche weitere Städte aus dem Bundesgebiet mit bedeutenden Standorten der Automobil-, Zuliefer- und Mobilitätsindustrie angeschlossen.
Die Initiative versteht sich als kommunale Stimme der Automobil- und Mobilitätsstandorte. Sie bringt die Perspektive der Städte ein, in denen industrielle Transformation unmittelbar stattfindet. Dort befinden sich Produktionswerke, Zulieferbetriebe, Forschungs- und Entwicklungsstandorte. Dort leben die Beschäftigten und ihre Familien, und dort werden die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen industriepolitischer Entscheidungen unmittelbar spürbar.
Ziel der Initiative ist es, die Transformation der Mobilitätsindustrie erfolgreich zu gestalten und industrielle Wertschöpfung, Innovation, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland und Europa zu sichern. (snp)
