Zum 200. und 125. Geburtstag von Franz Josef Maucher und Wilhelm Johann Maier
Am 14. April feierten gleich zwei Personen Geburtstag, die für die heutige Gesamtstadt Neckarsulm im Laufe ihres Lebens Bedeutung erlangten: Stadtpfarrer Franz Josef Maucher und Bürgermeister Wilhelm Johann Maier.
Der „Geschichtsschreiber von Neckarsulm“
Mauchers Geburtstag jährt sich 2026 zum 200. Mal. Mit seinem Lebenslauf hat sich Dieter Herlan zum 180. Geburtstag 2006 beschäftigt. Diese Arbeit in den Historischen Blättern des Heimat- und Museumsvereins Neckarsulms wird hier als Grundlage genommen.
Franz Joseph Maucher wurde 1826 in Hagnaufurt im damaligen Oberamt Waldsee (heute Ingoldingen-Hagnaufurt im Landkreis Biberach) geboren. Seine Eltern, Franz Josef und Cäzilia, geb. Stark, waren „gut situierte[…] Bauersleute“ (Herlan, Dieter: Franz Josef Maucher 1826-1910, Stadtpfarrer – Chronist – Ehrenbürger. Eine Annäherung an sein Leben und Wirken, Historische Blätter 57, Neckarsulm 2006, S. 1). Als ältestes von acht Kindern hätte Maucher den Hof übernehmen sollen. Allerdings erkannte der Ortsgeistliche früh Mauchers Begabungen und konnte die Eltern davon überzeugen, ihren Sohn zur Erlangung des Abiturs nach Ehingen zur Schule zu schicken.
Seinem anschließenden Theologiestudium in Tübingen und der Priesterweihe 1852 folgten ein dreijähriges Vikariat in Ulm, ein staatliches Stipendium zur Arbeit an der Universität Erlangen und ab 1856 eine Stelle als Präzeptoratsverweser in Horb am Neckar. Ab November 1857 wurde er zunächst kommissarisch, ein Jahr später offiziell erster Lehrer der Rottenburger Latein- und Realschule. Er blieb dort 18 Jahre mit großem Einsatz als Rektor tätig und engagierte sich im Stadtleben. Daher war es überraschend, dass er am 4. Oktober 1875 die Pfarrstelle hier in Neckarsulm annahm – Vorbehalte gegen die Eignung des Lehrers als Pfarrer wurden laut. Diese wusste Maucher allerdings mit seiner Art und seiner Tatkraft auszuräumen.
Neben der umfassenden seelsorgerischen Tätigkeit stieß er Projekte zur Renovierung und Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius an, darunter die Ausmalung des Chores, später des ganzen Kirchenschiffs und die farbliche Gestaltung der Kirchenfenster. Er beauftragte den Bildhauer Johann Zartmann, der auch die Figuren von Johannes und Maria am Scheuerberg-Kreuz schuf, mit der Gestaltung mehrerer Statuen und Bildergruppen für St. Dionys und eines Taufsteins. Zudem ließ er mehrere Seitenaltäre restaurieren, ein Chorgestühl fertigen und den Fußboden erneuern. Das verheerende Hagelunwetter am 30. Juni/1. Juli 1897 beschädigte auch die kaum fertiggestaltete Kirche: Die Spitze des Kirchturms war abgerissen, eine der Fensterseiten fast vollständig zerstört und das Dach beschädigt, so dass umfangreiche und teure Reparaturen das Kirchenvermögen über Jahre hinweg stark belasteten.
Neben St. Dionysius ließ Stadtpfarrer Maucher auch die Frauenkirche neugestalten, den Hauptaltar renovieren, eine neue Orgel einbauen und die Klosterkirche in Stand setzen. Diese wurde seit der Säkularisation 1811 unter anderem als städtisches Gerätemagazin genutzt, um das Oberamtsgebäude ergänzt und konnte nun im Oktober 1894 wieder geweiht werden. Durch eine persönliche Spende Mauchers und zweier weiterer Personen konnte der Grundstock für den Bau der Empore (1903) und der Orgel gelegt werden. Es scheint Maucher bei all diesen Vorhaben sehr gut gelungen zu sein, seine Gemeindemitglieder zu großer Spendenbereitschaft zu ermutigen, während die finanziellen Mittel zur Bestreitung des Kirchenalltags deutlich dünner ausgefallen sein dürften.
Stadtpfarrer Maucher ist uns heute aber insbesondere wegen seiner Beobachtungsgabe und dem Interesse an seiner Pfarrgemeinde, seinem Wohnort und dessen Geschichte in Erinnerung:
In Aufzeichnungen in der Pfarrchronik für die Jahre 1875 bis 1908 berichtet er vor allem über die kirchlichen Ereignisse und die städtischen Entwicklungen, aber auch über Persönliches und erkennt empathisch die Sorgen und Nöte der Neckarsulmerinnen und Neckarsulmer, insbesondere der landwirtschaftlich tätigen. Er bemängelte den Zeitgeist mit seiner verstärkten Abwendung vom Glauben und der Zuwendung zu Unterhaltung und Leichtlebigkeit, Festveranstaltungen und Wirthausbesuchen, dem „Sittenverfall“ und der politischen Strömung des Liberalismus, die er auch als Folgen der Industrialisierung verstand. Heute noch bedeutend sind seine Forschungen zur Ortsgeschichte, die sich in der 1901 veröffentlichten „Geschichte Neckarsulms“ niederschlugen. Dieses Buch blieb über Jahrzehnte die einzige Gesamtdarstellung der Stadtgeschichte und ist aufgrund seiner Detailfülle auch heute noch wichtig.
In seinen letzten Lebensjahren zog sich Maucher aufgrund von altersbedingten Gebrechen immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Eine Entlastung des über 80-jährigen Pfarrers war die Einstellung eines zweiten Vikars 1906, wenngleich er seinen Aufgaben nicht mehr mit der gleichen Autorität nachkommen konnte. Stadtpfarrer Maucher verstarb am 29. Oktober 1910 in Neckarsulm und wurde am 4. November in seinem Geburtsort Hagnaufurt beerdigt. Neben weiteren Ehrungen wurde ihm bereits 1894 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Neckarsulm zuerkannt; 1900 wurde er zum „Oberkirchenrat“ ernannt.
In der Gedächtnisrede beschrieb Dekan Mosthaf Franz Josef Maucher als gerecht und friedensliebend, als Träger eines Gerechtigkeitssinns und als sozial engagierte Person. Ihm wurden aber auch „eine gewisse Unnahbarkeit, möglicherweise sogar Stolz“ nachgesagt ((Herlan, Dieter: Franz Josef Maucher 1826-1910, S. 11). Trotzdem genoss er hohes Ansehen in Neckarsulm und darüber hinaus.
Ein „aufrichtiger Freund“ für Obereisesheim
Am Tag, an dem Stadtpfarrer Maucher seinen 75. Geburtstag feierte, wurde der spätere Obereisesheimer Bürgermeister Wilhelm Maier als Sohn des Schneidermeisters Wilhelm Maier und seiner Frau Luise, geb. Mangold in Untergröningen geboren, einem kleinen Ort zischen Gaildorf und Aalen. Sein Lebenslauf wird auf Grundlage von Forschungen der früheren Stadtarchivarin Barbara Löslein genauer beleuchtet.
Nach der Schulzeit in seinem Geburtsort erhielt der junge Wilhelm Johann Maier eine Verwaltungsausbildung in Fichtenberg, bevor er in den Landratsämtern Balingen und Spaichingen und dem Oberversicherungsamt in Stuttgart arbeitete. Er bewarb sich 1928 auf die Stelle des Bürgermeisters in Obereisesheim, die nach dem Rücktritt von Schultheiß Fehr, gegen den ein Strafverfahren wegen Unterschlagung lief, nur provisorisch geführt wurde. Im Frühjahr 1929 wurde Maier mit zwei Dritteln der Stimmen aus insgesamt 23 Kandidaten ausgewählt; am 25. April erfolgte die Amtseinsetzung mit anschließender Feier in den Gasthöfen Lamm und Ochsen.
Der neue Bürgermeister übernahm die Gemeinde in wirtschaftlich und politisch schwieriger Zeit und begann schnell mit der Umsetzung wichtiger Infrastrukturmaßnahmen. Es entstanden bis 1933 zwei Bauabschnitte der Ortskanalisation, die bereits vor Amtsantritt vom Gemeinderat beschlossen waren, der Ausbau von Feldwegen, die Teerung von Ortsstraßen und 1933/1934 die Verbesserung der Wasserversorgung. 1939 wurde der Kindergarten eingeweiht, 1940 die Turn- und Festhalle mit Lehrschwimmbecken.
1931 heiratete Maier die Obereisesheimerin Elsa Frank, mit der er drei Kinder bekam. Seine Freizeit verbrachte Wilhelm Maier in der Natur, gerne beim Bergsteigen. Darüber hinaus war er als Verwaltungsfachmann seit 1936 auch Bürgermeister von Untereisesheim, ab 1939 zusätzlich Verwaltungsaktuar von Offenau, Biberach und Bonfeld, nachdem die dortigen Bürgermeister nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Wehrmacht eingezogen worden waren. Maier selbst wurde 1943 eingezogen, kam bei Nürnberg in US-amerikanische Gefangenschaft, zunächst in die Lager Bähl-Iggelheim und Böckingen, später zum Arbeitskommando Mannheim. Ende 1945 wurde er aus dem Lazarett der Universitätsklinik Heidelberg entlassen.
Während seiner Abwesenheit führte der stellvertretende Bürgermeister Wieland die Verwaltungsgeschäfte. Beide wurden im Zuge der Entnazifizierung wie andere Bürgermeister im April 1945 ihres Amtes enthoben. Bereits im März 1946 bat Willi Treubel, der die Verwaltung zu diesem Zeitpunkt leitete, den Landrat um die Wiedereinsetzung Maiers und fügte eine von drei Vierteln der Wahlberechtigten unterzeichnete Liste an. Nach seiner Wahl im März 1948 konnte Bürgermeister Maier ab Mitte April seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen, wiederum in einer schwierigen Lage.
Der Ort war zu rund einem Drittel zerstört, Lebensmittel, Wohnraum, Bau- und Brennmaterial fehlten. Der Wiederaufbau erfolgte in den 1950ern dann zunächst mit dem Aufbau von Wohngebäuden, des zerstörten Rathauses, der Erschließung neuer Baugebäude, der Inbetriebnahme der Kläranlage und der Sicherstellung der Wasserversorgung sowie dem Bau der 1957 als „Wilhelm-Maier-Schule“ eingeweihten Schule.
Im Dezember 1953 wurde Wilhelm Maier mit 100 Prozent der gültigen Stimmen wiedergewählt und blieb bis zum Erreichen der Altersgrenze Obereisesheimer Bürgermeister. In dieser Funktion wurde er für seine Bedächtigkeit, Ruhe und Sachlichkeit gelobt. Neben seiner Tätigkeit war Maier von 1929 bis 1968 Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Spar- und Darlehenskasse Obereisesheim (später Genossenschaftsbank). Er war auch beim Württembergischen Gemeindetag tätig und übernahm eine Lehrtätigkeit im Rahmen der Verwaltungsausbildung.
Am 23. April 1966 wurde Maier in den Ruhestand verabschiedet. Für seine Verdienste um Obereisesheim erhielt er im selben Jahr das Bundesverdienstkreuz am Bande; 1967 verlieh ihm die Gemeinde das Ehrenbürgerrecht, mehrere Vereine verliehen ihm die Ehrenmitgliedschaft.
Auch im Ruhestand nahm er weiter Anteil am Leben in Obereisesheim. Er starb im Alter von 76 Jahren am 7. Oktober 1977 und wurde unter großer Anteilnahme am 11. Oktober auf dem Obereisesheimer Friedhof beerdigt. Ortsvorsteher Christian Fischer würdigte ihn in einem Nachruf als „aufrichtigen Freund und aufrechten Mann […], der für Obereisesheim gelebt hat“. Auch seine Witwe Elsa blieb Obereisesheim bis zu ihrem Tod weiter verbunden und im Förderverein der Wilhelm-Maier-Schule aktiv. 2004 starb sie 99-jährig als bis dahin älteste Einwohnerin des Ortes. (Vera Kreutzmann)