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Vor 200 Jahren: Wilhelm Christian Ganzhorn wird geboren

Montag, 8. Januar 2018

Ganzhorns Lebensweg

Wilhelm Ganzhorn mit Ehefrau Luise und seinen Töchtern Luise und Marie, 1862

Wilhelm Ganzhorn, um 1879

Vor 200 Jahren: Wilhelm Christian Ganzhorn wird geboren
Ganzhorns Lebensweg


Kindheit, Jugend und Studium
Wilhelm Christian Ganzhorn wurde am 14. Januar 1818 als Sohn des Kastenknechts und königlichen Schlossinspektors Johann Georg Ganzhorn und dessen zweiter Frau Catharina Margaretha (geb. Maisch) in Böblingen geboren. Er wuchs auf in Böblingen, Sindelfingen und Stuttgart. Sein Vater wollte, dass Wilhelm den Beruf des Pfarrers ergriff, doch dieser wandte sich den Rechtswissenschaften zu, die er in Tübingen und Heidelberg studierte.

Erste berufliche Stationen
Nach seinem Studienabschluss arbeitete er 1843 am Oberamtsgericht Backnang, seit 1844 als zweiter Richter neben dem Oberamtsrichter (Gerichtsaktuar) in Neuenbürg (heute: Enzkreis) und ab 1855 als Oberamtsrichter in Aalen. Im selben Jahr heiratete er Luise Alber aus Conweiler bei Neuenbürg, die Tochter des dortigen Gemeinderats, Rößles- und Ochsenwirts Johann Friedrich Alber. Aus ihrer Ehe gingen zehn Kinder hervor, von denen jedoch vier kurz nach der Geburt starben.

Ganzhorn in Neckarsulm
„Im Hinblick auf die Verhältnisse in Neckarsulm, die ein besonnenes und taktvolles Auftreten des Bezirksbeamten besonders wünschenswert erscheinen ließen“, berief man Ganzhorn 1859 an das Oberamtsgericht nach Neckarsulm. Seine Wirkungsstätte war das in der Binswanger Straße 3 gelegene Amtsgericht, damals noch ohne den Anbau im Osten. Im Erdgeschoss lagen die Amtsgerichtsräume, im Obergeschoss darüber die Wohnung des jeweiligen Amtsrichters. Heute wird das gesamte Gebäude von der Polizei genutzt.

Von Neckarsulm nach Cannstatt
Bis 1878 lebte Ganzhorn in Neckarsulm, dann bewarb er sich mit Erfolg an das Oberamtsgericht Cannstatt – wohl auch deshalb, weil er seinen Kindern eine gute höhere Schulbildung in Stuttgart ermöglichen wollte. Zum Abschied aus Neckarsulm fand am 26. Juni 1878 im Gasthof Prinz Carl ein großes Festessen statt. Während seiner Cannstatter Zeit genoss Ganzhorn das Kulturleben Stuttgarts und pflegte weiterhin die Kontakte zu seinen zahlreichen Freunden. Völlig überraschend verstarb Ganzhorn am 9. September 1880 an den Folgen eines Karbunkels und einer Lungenentzündung in Cannstatt. Dort ist er auf dem Uff-Kirchhof begraben.

Wilhelm Ganzhorn – Facetten einer vielseitigen Persönlichkeit
Human und gesellig

Ganzhorn soll vielseitig interessiert, engagiert, umgänglich und gesellig gewesen sein. Als Amtsrichter war er für seine humanen Entscheidungen bekannt und neben diesem verantwortungsvollen Beruf engagierte er sich als Mitglied des Evangelischen Kirchengemeinderats.

Gerne ging Ganzhorn auch auf Reisen, bekannt sind unter anderem seine Reisen nach Flandern, Italien (1843), Südfrankreich (1855) und Skandinavien (1858).

Seine zahlreich erhaltenen Briefe weisen auf seinen großen Freundeskreis hin. Zu ihm zählten unter anderem die Dichter Ferdinand Freiligrath, Viktor von Scheffel, Justinus und Theobald Kerner, der Arzt und Physiker Robert Mayer und der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs. Sogar der deutsche Kronprinz Friedrich (der spätere Kaiser Friedrich III.) war an einem persönlichen Kennenlernen Ganzhorns interessiert: Im September 1874 begrüßte er ihn bei einem eigens eingelegten Zwischenaufenthalt auf dem Neckarsulmer Bahnhof.

Der Dichter
Bereits seit seiner Schulzeit widmete er sich außerdem der Dichtung. Sein wohl bekanntestes Gedicht „Im schönsten Wiesengrunde“, verfasste er zunächst unter dem Titel „Das stille Tal“ während seiner Zeit in Neuenbürg. Daneben schrieb er zahlreiche Dichtungen teils lyrischer, teils historischer, aber auch humoristischer Art. Ganzhorn stand im Umkreis der schwäbischen Romantik (Uhland, J. Kerner, Schwab, Mörike). Sein Nachlass liegt heute zum größten Teil im Deutschen Literaturarchiv in Marbach/Neckar; er umfasst Gedichte und Prosastücke sowie Briefe an ihn und von ihm. Kleinere Teile befinden sich im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und im Archiv des „Volksbunds für Dichtung (Scheffelbund)“ in Karlsruhe. Einige seiner Gedichte sind in verschiedenen Veröffentlichungen erschienen, eine Gesamtausgabe seines Werks fehlt bisher.

Der Altertumsforscher
Ganzhorn hatte daneben weitere Interessengebiete, so zum Beispiel die Altertums- und Heimatforschung, deren Ergebnisse er auch veröffentlichte. Er entdeckte anlässlich des Eisenbahnbaus in Neckarsulm zwischen 1865 und 1867 ein jungsteinzeitliches Gräberfeld. Zudem schrieb er über den Neckarsulmer Löwenwirt Peter Heinrich Merckle, der wegen des Besitzes der gegen die französische Besatzung gerichteten Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung (1806)“ inhaftiert worden war. An der Gründung des Historischen Vereins Heilbronn war er maßgeblich beteiligt.

Der Weinliebhaber
Im Zusammenhang mit Ganzhorns vielzitierter Beliebtheit und Geselligkeit wird seine Liebe zum Wein oft zu sehr betont. Zwar ist es zutreffend, dass der Wein in seinen Gedichten eine Rolle spielt: Sein wohlsortierter Weinkeller war ein beliebter Treffpunkt und er baute im Garten des Amtsgerichts selbst Wein an. Ihn jedoch auf diesen einen Zug seiner vielfältigen Persönlichkeit festzulegen, wäre doch zu einseitig.

200. Geburtstag von Wilhelm Ganzhorn: Neue Ganzhornbiographie und Vortrag von Dr. Jürg Arnold
Einen interessanten Einblick in das Leben Wilhelm Ganzhorns bietet eine vor kurzem erschienene Biographie – verfasst von Dr. Jürg Arnold, einem Urenkel Wilhelm Ganzhorns. Das Buch wurde von der Stiftung Literaturforschung in Ostwürttemberg herausgegeben und von der Stadt Neckarsulm mitfinanziert: Jürg Arnold: Wilhelm Ganzhorn (1818-1880). Richter – Dichter – Altertumsforscher (Unterm Stein. Lauterner Schriften; Sonderveröffentlichung 4). Schwäbisch Gmünd: Einhorn-Verlag, 2018.164 Seiten mit 41 Abbildungen. ISBN 978-3-95747-068-3.

Am Donnerstag, 1. Februar 2018, gibt der Autor in einem Vortrag Einblicke in das Leben und Wirken seines Urgroßvaters. Sein Vortrag beginnt um 19.:30 Uhr im Stadtmuseum Neckarsulm (Urbanstraße 14) und bildet den Auftakt der gemeinsamen Vortragsreihe von Stadtarchiv, Stadtmuseum und Heimat- und Museumsverein Neckarsulm im neuen Jahr. (Barbara Löslein)

Kategorie: Rathaus